Ein Regionalzug steht im Bahnhof in Stuttgart-Bad Cannstatt., © Christoph Schmidt/dpa/Archivbild
Ein Regionalzug steht im Bahnhof in Stuttgart-Bad Cannstatt. Christoph Schmidt/dpa/Archivbild, dpa
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So will Verkehrsminister Hermann den Nahverkehr verbessern

25.09.2023

Verspätungen, Ausfälle, defekte Zugtoiletten - auf der Schiene in Baden-Württemberg klemmt es an mehreren Ecken und Enden. Die Qualität des Schienennahverkehrs müsse erheblich besser werden, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann am Montag.

Wenn man zum Umsteigen einlade, müssten die Züge pünktlich und zuverlässig sein, sonst werde die Mobilitätswende nicht gelingen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Grünen-Politiker nun eine Reihe von Maßnahmen vorgestellt. Eine Übersicht der wichtigsten Punkte.

Die Probleme: Marode Infrastruktur, Personalmangel ...

Die Landesregierung will die Nachfrage im öffentlichen Nahverkehr bis 2030 verdoppeln. Davon ist man zwar noch weit entfernt, das Angebot im Schienennahverkehr ist aber stark ausgebaut worden: 2011 lag die Zahl der von Zügen im Südwesten zurückgelegten Kilometer nach Angaben des Verkehrsministeriums bei etwa 65 Millionen, 2021 waren es etwa 80 Millionen Zugkilometer. Darüber hinaus wurden für mehr als zwei Milliarden Euro mehrere hundert neue Züge beschafft.

Das Problem: Mängel der Infrastruktur und zu wenig Personal. Die Ausweitung des Angebots um gut 25 Prozent habe das System an seine Leistungsfähigkeit gebracht, sagte Hermann. «Die Infrastruktur hält den wachsenden Ansprüchen nicht mehr stand». Aus diesem Grund müsse das Schienennetz dringend ausgebaut und digitalisiert werden. Herrmann mahnte zudem eine vorausschauende Instandhaltung und «Redundanzen» an - die Mehrfachabsicherung eines technischen Systems gegen Betriebsstörungen.

Bis das Mammutprojekt Früchte trägt, werden die Fahrgäste die Auswirkungen aber deutlich zu spüren bekommen. «Der Hochlauf bei den Sanierungen beginnt erst», sagte Hermann. Der Minister rechnet damit, dass es noch sehr lange viele Baustellen geben wird.

Höhere Strafen bei Zugausfällen und Verspätungen

Das Land will zum einen die Eisenbahnverkehrsunternehmen stärker in die Pflicht nehmen. Herrmann will deswegen die Verkehrsverträge ändern. Die Unternehmen sollen künftig deutlich höhere Vertragsstrafen zahlen, wenn sie Zugausfälle und Unpünktlichkeit selbst verschulden, etwa wenn sich der Lokführer verspätet oder eine Zugtür nicht funktioniert. Bei fremdverschuldeten Problemen - Beispiel Weichen- und Signalstörungen - sollen die Strafen sinken.

Die Landesregierung will den Bahnunternehmen außerdem bei der Verrechnung der deutlich gestiegenen Personalkosten entgegenkommen. Im Gegenzug sollen unter anderem die Anforderungen bei der Sauberkeit der Züge sowie bei Umfang und Qualität von Schienenersatzverkehren steigen.

Robustere Fahrpläne durch mehr Puffer

Durch Änderungen im Fahrplan sollen Pendler und Bahnreisende künftig ihren Anschluss zuverlässiger erreichen. Beim Erstellen der Fahrpläne soll die Zuverlässigkeit von Verbindungen und Anschlüssen Priorität haben. Konkret heißt das, dass eine Verbindung gemäß Fahrplan ein paar Minuten langsamer sein kann als bisher. Dafür sollen die Anschlüsse aber erreicht werden.

«Umsteigen soll kein Glücksrennen mehr sein», sagte Hermann. Damit reagiert das Ministerium auf die wachsende Zahl verspäteter Züge. Den Hauptbahnhof in Stuttgart erreichten vergangenes Jahr nur rund 88 Prozent der Züge im Regionalverkehr pünktlich. 2014 hatte der Anteil noch bei mehr als 93 Prozent gelegen. Als pünktlich gilt ein Zug, wenn er nicht mit mehr als sechs Minuten Verzögerung an einem Bahnhof ankommt.

Vor allem die Verspätungen im Fernverkehr belasten demnach den Nahverkehr im Land, weil die Fernzüge Vorrang vor S-Bahnen und Regionalzügen haben. «Und dann stehen die rum, obwohl sie pünktlich fahren können», sagte Hermann.

Verstärkung der Leitstellen und Personaloffensive

Die Leitstellen der Verkehrsunternehmen sind knapp besetzt und bei Störungen erst einmal damit beschäftigt, diese zu beheben. Darunter leiden oft die Reisenden, die nicht rechtzeitig über Verspätungen und Anschlüsse informiert werden.

In Zukunft sollen die Leitstellen daher mit Mitarbeitern verstärkt werden, die für aktuelle Informationen in Zügen und Apps sowie an den Haltestellen zuständig sind. Ein Pilotversuch in der Region Freiburg sei erfolgreich gewesen und soll nun landesweit ausgerollt werden, hieß es.

Darüber hinaus will das Land den Verkehrsunternehmen helfen, Personal zu gewinnen. Denn in manchen Regionen muss der Betrieb bereits wegen fehlender Fahrdienstleiter und Triebwagenführer eingeschränkt werden. Und auch in manchen Werkstätten fehlt Personal, weshalb Züge immer wieder nicht oder zu spät auf die Strecke geschickt werden.

Begleitet wird die Umsetzung der Maßnahmen von einem sogenannten Qualitätsanwalt. Dieser soll die Interessen der Fahrgäste im Blick behalten und Ansprechpartner bei Problemen sein. Auch nebenamtliche «Qualitätsscouts» sollen die Qualität in den Zügen kontrollieren.

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