Original Ostermann: Geduld ist ausverkauft!

Es gibt Orte, an denen der Mensch seinen wahren Charakter zeigt. Zum Beispiel an der einzig geöffneten Supermarktkasse. Kaum betritt man den Laden, passiert etwas Merkwürdiges. Man braucht eigentlich nur Milch und Brot. Zwei Minuten – maximal. Dann biegt man um die letzte Ecke und dort steht sie: die Schlange!
Vorne steht grundsätzlich jemand, der seinen Wocheneinkauf offenbar für die nächsten drei Eiszeiten erledigt. Und genau in dem Moment, in dem der Kassierer den Endbetrag nennt, beginnt die große Expedition. „Moment, ich hab es passend.“ Es folgt eine Schatzsuche in Jackentaschen, Geldbörse, Handtasche und vermutlich einer Parallelwelt. Die Schlange schweigt. Jeder kennt diesen Moment und jeder hasst ihn. Aber niemand sagt etwas. Dann geschieht das Unvermeidliche. Die Kasse nebenan öffnet! Plötzlich verwandeln sich völlig zivilisierte Menschen in Teilnehmer der Hungerspiele. Rentner sprinten, Familien drängeln, Menschen mit Bio-Jutebeuteln entwickeln eine ganz erstaunliche Ellenbogenmentalität. Das Verrückteste an der Sache: Die neue Schlange, in die man hektisch gewechselt ist, bewegt sich überhaupt nicht mehr! Die alte hingegen fließt plötzlich wie von göttlicher Hand geführt. Man sieht seinem ehemaligen Vordermann dabei zu, wie er den Laden verlässt, während man selbst immer noch an genau derselben Stelle steht.
Es ist erstaunlich, wie schnell aus harmlosen Besorgungen ein psychologisches Experiment werden kann. Denn die eigentliche Ware, die wir dort täglich im Supermarkt kaufen, ist Geduld. Und die ist regelmäßig ausverkauft! Wir sehen uns an der Kasse, euer Ostermann