June 13, 2022 1:50 PM

„Natürlich habe ich meine Kinder alle gleich lieb“, würden wohl die meisten Eltern sagen. Die Frage ist: sind sie mit dieser Aussage wirklich ehrlich zu sich selbst? Tatsächlich hat die Mehrheit der Mütter und Väter ein Lieblingskind, hat uns Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Sibylle Bechstein verraten. Und das ist auch in Ordnung – solange bestimmte Grenzen nicht überschritten werden. Das Gespräch könnt Ihr hier lesen oder in kompletter Länge anhören:

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„Man kann sagen, dass es ok ist, wenn man für einen zeitlich begrenzten Rahmen spürt, dass man eine innigere Beziehung zu einem seiner Kinder hat. Schwierig wird es, wenn aus dieser temporären Bevorzugung eine dauerhafte wird.“

 

Ist es ein Problem, wenn ich ein Kind lieber habe als das andere?

Bechstein: Studien besagen, dass 60 bis 80 Prozent aller Eltern von sich sagen, dass sie sogenannte Lieblingskinder haben. Sie sagen das vielleicht hinter vorgehaltener Hand, aber was es uns damit deutlich macht ist, dass man dieses Phänomen „Ich habe zeitweise ein Kind, welches mir mehr am Herzen liegt“ fast schon als normal bezeichnen kann. Man kann pauschal sagen, dass es ok ist, wenn man für einen zeitlich begrenzten Rahmen spürt, dass man eine innigere Beziehung und einen stärkeren Fokus auf einem seiner Kinder hat.

„Man kann sagen, dass es ok ist, wenn man für einen zeitlich begrenzten Rahmen spürt, dass man eine innigere Beziehung zu einem seiner Kinder hat. Schwierig wird es, wenn aus dieser temporären Bevorzugung eine dauerhafte wird.“

 

 

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Was sind Anzeichen dafür, dass Eltern ein Lieblingskind haben?

Bechstein: Temporäre Lieblingskinder entstehen oft dadurch, dass uns die Kinder ein bisschen ähnlicher sind. Ich spüre im Umgang mit diesem Kind zum Beispiel, dass es mir vom Charakter und Temperament ähnlicher ist oder die gleiche Geschwisterfolgenposition hat. Das Kind ist für mich einfach umgänglicher und ich kann mich besser einfühlen. An dem Punkt sind wir noch in einem normalen Bereich. 

Schwierig wird es, wenn aus dieser temporären Bevorzugung eine dauerhafte wird. Das äußerst sich beispielsweise, wenn ich als Mutter merke, dass ich immer Partei für das eine Kind ergreife, wenn sich meine Kinder streiten. Oder ich schenke einem Kind mehr Zeit und beschäftige mich gedanklich mehr mit dessen Förderung und Wohlergehen. Ein anderes Anzeichen könnte sein, dass immer das gleiche Kind kuschelnd neben mir auf dem Sofa landet, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Dann muss ich vorsichtig sein und schauen, dass ich aus dieser festen Form einer dauerhaften Bevorzugung herausfinde.

Natürlich ist es so, dass der Entwicklungsschritt, dass die Kinder sich von mir lösen, vorgegeben ist, wenn ein Kind in die Pubertät kommt. Ich sollte dennoch weiterhin innerlich darüber nachdenken was dieses Kind braucht und mich nicht im Übermaß mit dem Lieblingskind beschäftigen.

 

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Was macht es denn mit den Kindern, wenn sie wissen, wer von ihnen das Lieblingskind ist? Inwiefern beeinträchtigt das das bevorzugte Kind und inwiefern das vernachlässigte?

Bechstein: Wenn es temporär ist, weil das Kind in seiner Lebensphase und seinem Altersabschnitt gerade mehr von den Eltern braucht, kommt es dem Kind zugute und ist wichtig und richtig. Wenn es zur dauerhaften Bevorzugung kommt, werde ich keinem meiner Kinder wirklich gerecht. Bei den weniger beachteten Kindern entsteht das Gefühl weniger Liebe und Verständnis zu bekommen. Manche Kinder geben sich dann selbst die Schuld, bei anderen entsteht Wut auf das bevorzugte Geschwisterkind.

 

Warum leiden auch die Lieblingskinder? 

Bechstein: Wir wissen aus Studien, dass dauerhafte Lieblingskinder einen hohen Preis bezahlen, weil sie eigentlich die unerfüllten Wünsche von Papa und Mama erfüllen müssen. Oftmals stecken nämlich hinter diesen Lieblingskindern ehrgeizige Eltern, die selbst manche Träume nicht leben konnten. Dann sehen sie dieses Lieblingskind, überhöhen dessen Fähigkeiten und projizieren die eigenen Wünsche in dieses Lieblingskind. Es wird gefördert und bekommt unheimlich viel Anerkennung, aber eigentlich nur um die elterlichen Vorstellungen zu erfüllen. Somit bildet sich der Selbstwert in Abhängigkeit von Lob und Bewunderung aus.

Dieser Fakt kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Lieblingskinder, wenn sie älter werden, eine narzisstische Persönlichkeit entwickeln. Das ist wie eine „Selbstüberhöhung“ bei der sie ihre eigenen Fähigkeiten viel zu hoch einschätzen, so wie’s die Eltern jahrelang bei ihnen gemacht haben. Es gibt auch Entwicklungen wo die erwachsenen Lieblingskinder depressiv werden, weil sie jahrelang ihre eigenen Wünsche und Gefühle unterdrücken musste. Das Kind kann sich also nicht frei, nach seinem Willen und nach seinen Fähigkeiten entwickeln, sondern es entwickelt sich in Abhängigkeit von den Wünschen, dem Lob und der Förderung der Eltern.

 

„Wir wissen aus Studien, dass dauerhafte Lieblingskinder einen hohen Preis bezahlen, weil sie eigentlich die unerfüllten Wünsche von Papa und Mama erfüllen müssen. Oftmals stecken nämlich hinter diesen Lieblingskindern ehrgeizige Eltern, die selbst manche Träume nicht leben konnten.“

 

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Was würden Sie den Eltern mit auf den Weg geben?

Bechstein: Den Eltern möchte ich auf den Weg geben, dass man ehrlich zu sich sein sollte und mitbedenken muss, dass es zeitweise wirklich auch ein normales Phänomen ist. Allerdings ist es immer gut, dass man sich ab und zu am Abend die Zeit und Ruhe nimmt zu reflektieren. Wie war der Tag? Hab‘ ich das eine Kind aus dem Fokus genommen? Ist es nötig einen Tag oder ein Wochenende mit dem weniger beachtenden Kind zu planen? Manchmal braucht es da Kreativität, gerade bei Kindern, die einem nicht so ähnlich sind. Ich würde auch unbedingt den Austausch mit dem anderen Elternteil in meine Familienroutine einbauen.

 

Haben Sie einen Rat an die Kinder?

Bechstein: Den Kindern und Jugendlichen kann ich nur raten: Versucht wirklich darüber zu sprechen! Vielleicht auch erst mal mit einer anderen erwachsenen Person. In einem ruhigen Moment solltet ihr dieses Gefühl den Eltern gegenüber aber auch äußern.

Ich glaube, dass manchmal auch einfach Lebensumstände dazu führen, dass die Eltern diesen Aspekt gar nicht so auf dem Schirm haben. Diese sind dann vielleicht dankbar, dass die Kinder ihre Empfindung offen kommunizieren. 

 

Das Interview hat Leonie Haug geführt. Fotos ausgenommen Ausnahme Portrait: shutterstock (fizkes, KonstantinChristian)

 

 

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