Schachboom in Baden-Württemberg

Schachboom in Baden-Württemberg

18.02.2021

Die Kombination aus Lockdown und Netflix hat auch in Baden-Württemberg für einen absoluten Hype gesorgt – denn plötzlich wollen alle Schach spielen. Grund ist die Serie Das Damengambit, in der das junge Waisenkind Beth ihr Talent zum Schach entdeckt und die männerdominierte Schachwelt erobern will. Das Jahrhunderte alte Strategiespiel ist damit populär wie nie und dank zahlreicher Online-Angebote finden auch Neulinge mühelos Zugang.

Hype durch Lockdown und Netflix-Serie

“Wir haben so etwas noch nie erlebt”, freut sich Claus Seyfried, Vorstand der Stuttgarter Schachfreunde und Vizepräsident des Schachverbands Württemberg. Der Lockdown im letzten Frühling hat einen regelrechten Schachype ausgelöst. Als sich der Verein im Sommer wieder treffen konnte, standen fast täglich Schachinteressenten vor der Tür, einige davon sind neue Mitglieder geworden. Als im Oktober letzten Jahres die Netflix-Serie Das Damengambit zum Streaming-Hit wurde, hat sie der Renaissance des Schachs einen zusätzlichen Schub gegeben. Schachbretter wurden zum beliebten Weihnachtsgeschenk, über die Feiertage wurde weltweit eine gigantische Zahl an Partien gespielt.

Das Damengambit ist für uns Schachspieler wirklich ein Geschenk”, sagt Seyfried, “dieses Ding ist so genial gut gemacht”. Von Schachprofis wird die Serie, die detailgetreu Originalpartien vergangener Jahrzehnte vorstellt, für ihre Liebe zum Detail, die realistischen Spiele gelobt. Der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow stand als Berater zur Seite, für Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy wurde unter Schachspielern sogar ein Handdouble gesucht, welche in Nahaufnahmen viele der Züge ausführte. Das Double ist übrigens Schachgroßmeisterin Filiz Osmanodja aus Dresden.

Schach verlagert sich ins Digitale

Den Hype bestätigt auch Dieter Einwiller, Spielleiter bei den Schachfreunden Pfullingen. “Meine Tochter kommt auf einmal auf mich zu und berichtet, ihre Freunde wollen Schach spielen und sagen: dein Papa ist doch im Schachverein, wie geht das?”, erzählt er. Der Mitgliederzuwachs bei den Vereine bleibt aus, was aber auch daran liegen dürfte, dass diese sich derzeit nicht treffen können. Der Schachboom, den die Serie ausgelöst hat, finde vor allem Online statt. Auch die Schachfreunde Pfullingen haben sich ins Netz verlagert: “Wir haben uns überlegt, wie können wir diesen neuen Schachfreunden eine Plattform bieten und eine Verbindung herstellen zum klassischen, organisierten Schach?”, erklärt Einwiller. Der Verein führt Online-Turniere durch, jeden Donnerstag wird digital gespielt und trainiert, über Zoom und die Schachplattform Lichess, auf der sie einen virtuellen Vereinsraum eingerichtet haben. Samstagnachmittags gibt es dort einen Hobbyspielertreff.

„Schach hat den Vorteil, dass es auch in der Corona-Krise spielbar ist über die Onlinevariante. Das geht bei Leichtathletik oder Handball nicht.“

Am Online-Schach will Einwiller auch nach der Pandemie festhalten: „Das klassische Schach wird sich verändern, es werden sich hybride Strukturen etablieren. Man wird natürlich am Brett spielen, wenn man darf, aber auch Onlineturniere anbieten". Beim Deutschen Schachbund gibt es mittlerweile eine Online-Liga, auch erste Schachvereine wurden gegründet, die nur im Netz spielen. „Sie können mit Schachfreunden hunderte Kilometer auseinander sein, und trotzdem eine Mannschaft bilden“, sagt Einwiller.

Zahlreiche Plattformen gibt es, über die Spieler mit Freunden oder zufällig ausgewählten Personen auf der ganzen Welt spielen können. Online-Schach eignet sich dabei besonders für Einsteiger, erklärt Julian Bissbort vom Schachverein Heilbronn. Der Zugang ist leicht und auf vielen Plattformen suchen Algorithmen automatisch ähnlich starke Gegner für einen aus. Auch Lernangebote gibt es jede Menge. Über YouTube und Twitch werden Spiele gezeigt, Tutorials und Training angeboten. Einige Links dazu haben wir Euch weiter unten aufgelistet.

Interview: Dieter Einwiller über Schach im Netz

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“Wenn keiner von Euch anfängt, werden es auch nicht mehr Frauen”

Das Damengambit spielt im Amerika der 60er, Hauptfigur Beth ist darin die einzige Frau in der männerdominierten Welt des Profi-Schachs. Auch 2021 ist der Frauenanteil beim Schach noch gering, weltweit sind gerade mal vier Prozent der Mitglieder in Schachvereinen Frauen. Bissbort vom Schachverein Heilbronn hofft, dass die Serie daran etwas ändert - in seinem Verein gibt es bei 140 Mitgliedern etwa fünf Frauen.

Für Schachgroßmeisterin Josefine Heinemann aus Mannheim spielt das Geschlecht keine Rolle. “Am Ende geht es darum, wer der bessere Spieler oder die bessere Spielerin ist”, sagt sie. “Ich will schöne, interessante Partien, da ist es mir ziemlich egal gegen wen". Sie hat mit sieben Jahren angefangen, in der Schach-AG ihrer Schule. “Schach ist ein wunderschönes Spiel, sehr ästhetisch”, schwärmt sie. Schach fordere einen immer wieder aufs Neue. Man lerne, einen Ehrgeiz zu entwickeln und auch zu verlieren - “das sollte man auch irgendwann können”. Mädchen und jungen Frauen rät sie: “Lasst euch nicht davon abschrecken, dass es am Anfang viele Männer sind. Wenn keiner von Euch anfängt, dann werden es auch nicht mehr Frauen. Ich bin sicher, da könnt Ihr auch Eure Freundinnen begeistern und vielleicht im Schachclub oder in der Schule vorbeischauen um zu sehen, ob euch das spiel auch gefällt.”

Interview: Schachgroßmeisterin Josefine Heinemann

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Tipps für Anfänger

“Die Tür zum Schach steht jederzeit allen offen”, lädt Bissbort ein. Die meisten Deutschen dürften die Grundlagen des Spiels beherrschen und zumindest mal die Züge kennen. Aber erst jetzt im Lockdown, wo zum Zeitvertreib dann doch mal wieder das angestaubte Schachbrett hervorgeholt wurde, hätten einige ihre Begeisterung und ihr Talent für Schach entdeckt. “Es kann sein, dass ein Meister in einem schlummert, und man weiß es nur nicht, weil man es noch nie auf die Probe gestellt hat”, meint Bissbort.

Einige Links zu Tutorials und Trainings auf YouTube-Kanälen und zu Online-Schachplattformen, die unsere Gesprächspartner empfohlen haben, haben wir Euch hier zusammengestellt:

  • Schachkanal für Kinder - normalerweise begeistert Schachgroßmeister Sebastian Siebrecht in Kaufhäusern Schulklassen fürs Schach, hier erklärt er auf YouTube spielerisch die Grundlagen des Spiels. Auch für die kleinsten Schachenthusiasten gut geeignet.

  • Für Fortgeschrittene: auf YouTube analysieren Schachprofis wie Niklas Huschenbeth oder The Big Greek vergangene Partien und geben jede Menge Tipps.

  • Weltweit eine der beliebtesten Plattformen für Onlineschach ist chess.com, die Schachfreunde Pfullingen setzen auf lichess.org. Auf beiden Plattformen

Wenn Ihr Lust auf die Serie Das Damengambit bekommen habt, die findet Ihr auf Netflix, den Trailer seht Ihr hier: