Das Cover des Albums «Punkrock nach Hausfrauenart» der Frauenpunkband Östro 430., © Thomas Polajnar/Tapete Records/dpa
Das Cover des Albums «Punkrock nach Hausfrauenart» der Frauenpunkband Östro 430. Thomas Polajnar/Tapete Records/dpa, dpa
  • Promis
  • DPA-News

Östro 430 - Ur-Punk nach Hausfrauenart

01.09.2023

Manchem gelten sie als erste Frauenpunkband Deutschlands, doch historisch gesichert ist das nicht: Nun hat sich Östro 430 nach einer kurzen Schaffenspause von 35 Jahren wieder zusammen gefunden. Die Band um die Gründungsmitglieder Martina Weith und Bettina Flörchinger bringt sogar ein neues Album heraus: «Punkrock nach Hausfrauenart» (VÖ: 1. September 2023). Mit von der Partie sind Bela B. von den Ärzten und Ruhrpott-Barde Stefan Stoppok.

Gegründet hat sich die Band bereits 1978, sagt Sängerin Weith, andere sagen 1979. «Dann haben wir erstmal zwei Jahre lang vergeblich eine Gitarristin gesucht», erinnert sich Weith. Ihren ersten Auftritt hatten Östro 430 schließlich am 3. Mai 1980 in Neuss. Aber sind sie damit nun die erste deutsche Frauenpunkband? «Also es weiß keiner genau, aber ich glaube schon», sagt Weith.

Was verbürgt ist: Östro 430 startete 1980 auch ohne Gitarristin durch. Nach ihrem ersten Konzert wurden sie sofort als Vorgruppe der legendären Gruppe Fehlfarben um Peter Hein verpflichtet. «Unser zweites Konzert war direkt Wuppertal und unser drittes Heidelberg. Das hat uns ganz schön nach vorne gebracht. Aber wir haben ja auch abgeliefert», sagt Weith (63).

Dann war Schicht

«Ich meine, sich als Punkband zu bezeichnen ohne Gitarre, das war ja schon gewagt. Aber das waren auch unsere Texte, unser rotziges Auftreten, unsere ganze Aggression, die wir rausgelassen haben.» Doch 1984 kommt Bettina Flörchinger nach ihrem Medizinstudium ins Praktische Jahr, wird Frauenärztin. «Damit war Schicht. Das war es.»

35 Jahre später hat Flörchinger ihre Arztpraxis aufgegeben und wieder Zeit für Musik. Weith, die lange als Journalistin arbeitet, arbeitet inzwischen in Hamburg als Kindergärtnerin. Es entsteht eine Idee, die klingt wie aus dem Kultfilm «Blues Brothers»: «Wir bringen die Band wieder zusammen!»

2019 findet sich die Gruppe mit zwei neuen Musikerinnen, Anja Peterssen (Bass) und Sandy Black (Schlagzeug), tatsächlich wieder zusammen. Auf dem neuen Album sind elf Stücke, deren Titel schon keinen Zweifel lassen an der unverblümten Art der Punkband: «Alte Männer», «Dein Hintern», «Fick das System», «Lahmarschfete».

Man kennt sich

Aber wie kommen Bela B. und Stoppok zu Gastauftritten als Nachrichtensprecher auf dem neuen Album? «Man kennt sich ja von früher. Wir haben mit den Ärzten zusammen gespielt, da waren die noch nicht mal in der "Bravo". Die sind im Ratinger Hof damals mit Mehl und Eiern beschmissen worden», erinnert sich Weith.

Außerdem hatte sie ja selbst einen Kurzauftritt auf einem Ärzte-Album: «Ich scheiße da einen Rapper zusammen. Ich habe vorher einfach zwei Dosen Bier getrunken, habe vor mich hin geschimpft und irgendeinen Teil meiner Schimpftirade haben die dann genommen. Und von Stoppok haben wir "Giftig" gecovert.»

Bei den Toten Hosen mischten die Punkerinnen mit, als die Hosen sich eine Weile die Roten Rosen nannten. «Wir haben auf dem Rosen-Album ein Abba-Lied gecovert.»

Campino lernte die Punkerinnen im Ratinger Hof kennen - das ist ihm im Gedächtnis geblieben: Tag des näheren Kennenlernens sei der 9. November 1979 gewesen, als die Londoner Band Wire auftrat.

«Der Ratinger Hof platzte aus allen Nähten, wir waren wie Sardinen in der Dose aneinander geklemmt. So lernten wir uns zwangsläufig in einer der vielleicht besten Nächte kennen, die der Hof je erlebt hat», erinnert sich Campino zur Reunion der Band 2019. «Ich bin froh, aus demselben "Sumpf" wie Östro 430 zu kommen und sie ein Stück ihres Weges begleitet zu haben.»

Der Ratinger Hof in der Düsseldorfer Altstadt, damals geführt von Carmen Knoebel, gilt als Keimzelle und Mekka des Punk in Westdeutschland. «Das war der einzige Laden, in dem unsere Musik gespielt wurde und in dem die Musik gespielt wurde, die wir hören wollten», sagt Weith.

Östro 430 aus Düsseldorf. Nach 35 Jahren Pause hatte sich die Band wieder gegründet., © Frank Christiansen/dpa

© dpa-infocom, dpa:230901-99-37592/2