Rassismusdebatte um Jim Knopf

Der Autor Michael Ende (im Bild mit Schildkröte) wuchs in München auf, lebte eine Zeit in Stuttgart, später in Italien. Er verfasste Romane wie Momo und Die unendliche Geschichte. Sein Buch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erschien 1960.

Ist Jim Knopf rassistisch? 

Das Buch von Michael Ende begeistert Kinder seit Generationen. Jim Knopf, der mit Lukas dem Lokomotivführer gemeinsam Abenteuer erlebt, Drachen begegnet, der Wilden 13 trotzt, Freundschaften schließt. Als Baby wird er in einem Paket auf die Insel Lummerland geliefert, im Buch wird er als Neger bezeichnet. Seit Wochen ist eine Debatte im Gange, ob die Geschichte in dieser Form noch gedruckt oder Kindern vorgelesen werden sollte. Wir haben uns mit dem Verlag, einer Sprachwissenschaftlerin und mit Euch unterhalten.  Die verschiedenen Ansichten lest und hört Ihr hier.

Die Interviews führten Jette Rybak und Carolin Binder

"Meine Position ist, dass man das Werk einordnet in seine Zeit," sagt Professor Dr. Heidrun Kämper. Sie ist Sprachwissenschaftlerin, und weißt darauf hin, dass man vor 60 Jahren sorgloser umging mit der Political Correctness. "Wir können Michael Ende sicher nicht unterstellen, dass er ein Rassist gewesen ist." Dass sich die Problematik für Menschen mit dunkler Hautfarbe ganz anders darstellt, kann sie gut verstehen. "Gerade in dieser Diskussion müssen sie unbedingt gehört werden."

Ihr ist es wichtig, über die Thematik nachzudenken und nicht einfach zu sagen, "das Buch muss weg" oder "das Buch bleibt, wie es ist". Ihr Vorschlag ist, entsprechende Stellen mit Fußnoten zu versehen. "Durch Einordnung und Kommentierung können wir Kinder sehr gut auf das Problem aufmerksam machen. Wenn man mit Kindern auf diese Weise das Thema bearbeitet, dann wird Kindern auch bewusst, dass Rassismus eine Geschichte hat.“ Das komplette Gespräch hört Ihr hier:

Clotilde lebt in Namibia, kommt aus dem Senegal, sie hat in Deutschland studiert und lange in Stuttgart gelebt. Auf das Buch Jim Knopf wurde sie erstmals aufmerksam durch ein Gespräch mit einer Erzieherin im Kindergarten ihrer Tochter. Als sie hörte, dass in der Geschichte das Wort "Neger" vorkommt, war sie überrascht. Das Buch wollte sie damals nicht kaufen. Es zu verbannen oder einfach umzuschreiben hält sie aber nicht für sinnvoll: „Man kann nicht versuchen, alte Bücher einfach wegzutun. Das ist Geschichte. Ich denke, bei Jim Knopf, anstatt es umzuschreiben, muss man es den Kindern erklären. Man erklärt, warum man das Wort benutzt hat und warum man es vielleicht nicht mehr benutzen sollte.“ Das Gespräch mit Clotilde hört Ihr hier:

Julia aus Rottenburg ist Mutter dunkelhäutiger Kinder. Jim Knopf hat sie ihnen noch nicht vorgelesen, auch weil darin das N-Wort vorkommt. "Ich finde das problematisch. Und meine Kinder sind glaube ich nicht in dem Alter, wo man das erklärt, aber irgendwann werde ich es einordnen müssen." Dass teils entgegnet wird, das sei ja nur ein Wort, findet sie unmöglich: "Man kann nicht davon ausgehen, dass nur weil ich als weißer, privilegierter Mensch kein Problem damit habe, dürfen die anderen auch kein Problem damit haben. Das finde ich engstirnig."

"Für mich gehören die Bücher zur Kindheit dazu und uns hat es auch nicht geschadet", sagt Veronique aus Tübingen. Sie will die Bücher ihren Kindern auch weiterhin vorlesen. Vom Vorschlag,  die Bücher umzuschreiben, hält sie nichts: "Ich finde es schlimm, dass man sich heute für jedes Wort, das man in den Mund nimmt, überlegen muss, ob es richtig oder falsch ist." 

Julia aus Bad Cannstatt ist mit den Geschichten von Jim Knopf und Pippi Langstrumpf aufgewachsen. "Wir haben uns damals keine Gedanken gemacht, ob daran irgendetwas negativ zu bewerten ist", sagt sie. Die Bücher sind für sie Literaturgut und sie liest sie ihren Kindern weiterhin vor. Sie sagt aber auch: "Ich verstehe die Menschen, die sich angegriffen fühlen. Natürlich möchte ich auch nicht als etwas bezeichnet werden, wenn ich mich damit verletzt fühle." In der Rassismusdebatte ist für sie wichtiger, ihren Kindern die richtigen Werte zu vermitteln: "Wenn man den Kindern beibringt, dass jeder Mensch gleich ist und diesen Wörtern keine Macht gibt, dann lernen sie auch nicht, dass diese Worte irgendetwas anderes bedeuten."

Das Buch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erschien 1960 beim Stuttgarter Thienemann-Verlag (heute Thienemann-Esslinger). Verlegerin Bärbel Dorweiler ist wichtig, das Buch als Gesamtwerk zu sehen: "Michael Ende macht schon ganz bewusst in den 60er Jahren ein schwarzes Kind zum Held seiner Geschichte und er thematisiert Diskriminierung in diesem Buch ganz explizit". Das Wort "Neger" verwende der Autor dabei bewusst nur an einer Stelle und in wörtlicher Rede - nämlich als der als Spießer geltende Herr Ärmel den Neuankömmling Jim Knopf das erste Mal sieht und bemerkt: "Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein", wobei er ein "schlaues Gesicht" macht. Durch die Art, wie der Autor die Szene darstellt werde klar, dass er sich selbst bereits von der Aussage Herrn Ärmels distanziere, meint Dorweiler.

Eine andere Stelle mache noch deutlicher, dass Ende keine rassistischen Absichten habe, im Gegenteil. Als Jim und Lukas in der Wüste dem Scheinriesen Herrn Tur begegnen sagt dieser: "Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum sollte man nicht Schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft."

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