Zivilcourage gegenüber Kindern

Als ich zum 1. Mal schwanger war, gab mir mein damaliger Chef einen wichtigen Hinweis: „Als Mama wirst du nur noch alles falsch machen!“, sagte er. Er sagte das ein bisschen aus dem Kontext gerissen und ich verstand das damals nicht so genau, was er damit wohl meinte. Macht man als Mama nicht alles irgendwie intuitiv? Und ist eine Mutter-Intuition nicht immer irgendwie richtig?

Als Mama kann man nur noch alles falsch machen

Was mein ehemaliger Chef damit meinte, wurde mir erst klar, als ich dann wirklich Mama war. Er meinte damit nicht wörtlich, dass ich nicht dazu in der Lage bin, eine gute Mama zu sein. Nein! Er meinte, dass die Menschen um mich herum, die Gesellschaft grundsätzlich die Dinge anders wahrnimmt und scheinbar immer genau gegenteilig mit einer Situation umgehen würde, wie ich als Mama es tue.

Palmers Ansicht von Schwarzer Pädagogik

Ähnlich geht es gerade dem Tübinger OB Boris Palmer. In einem Facebookpost erzählt er – palmerlike etwas polarisierend – von einer Beobachtung, die er auf einem Spielplatz gemacht hat. Ein Vater schaukelte sein Kind immer weiter an, obwohl dieses sichtbar panisch war und schrie. Palmer schritt ein um dem Kind zu helfen, und trat damit eine Diskussion los, ob man denn als Außenstehender in die Erziehung anderer eingreifen dürfe oder nicht, wenn ein Kind mit „schwarzer Pädagogik“ bedroht werde.

Hintergründe nicht immer erkennbar

Meine Kollegen Nadja und Ostermann haben sich dem Thema angenommen und ebenfalls viel darüber diskutiert. Ostermann zum Beispiel ist selbst schon mal eingeschritten als ein Kind fies behandelt wurde, Nadja hingegen hat Bekanntschaft mit ignoranten Eltern frecher Kinder gemacht. Fazit in unserer Redaktion ist: In den meisten Fällen kann man als Aussenstehender nicht beurteilen, ob gerade mit einem Kind Unrecht geschieht oder nicht. Einschreiten, so die meisten, sollte man trotzdem – vor allem wenn scheinbar das Kindeswohl gefährdet ist.

Struwwelpeter macht es vor

Ist es schwarze Pädagogik, wenn ich mein Kind an Kompromisse binde? Wir denken an den Struwwelpeter und den Suppenkaspar, grauslige Kindergeschichten, die unsere (zumindest meine) Kindheit doch etwas mehr prägten, als vielleicht beabsichtigt. Kindern Angst zu machen, um sie zu etwas bringen, das finde auch ich nicht richtig. Wenn du nicht aufhörst am Daumen zu lutschen, dann schneide ich ihn ab. Kinder können das einfach noch nicht reflektieren.

Als ich den Freizeitpark zusammen schrie

Ich spiegele das Mal auf meine Situation: Ich erinnere mich an meine Kindheit. Im Europapark, ich mag so 5 gewesen sein, wollte ich unbedingt Achterbahn fahren. UN. BE. DINGT. Mein Vater hat sich erbarmt und sich mit mir in die lange Schlange der Schweizer Bobbahn gestellt. Kurz bevor wir einsteigen sollten, bekam ich allerdings Panik und wollte auf keinen Fall mehr rein. Ich schrie die ganze Schlange kurz und klein und mein Vater blieb: hart. Du wolltest es so, wir stehen hier schon ewig, jetzt machen wir das auch! Kein Außenstehender schritt ein. Ich werde nie vergessen wie die Achterbahn nach oben gezogen wurde und dann ihre Bahnen machte und ich, wieder sicheren Boden unter den Füßen: „NOCH MAL!!!“ schrie. Mein Vater wusste besser als ich, dass mir das Achterbahnfahren gefällt.

Der Supermarkt-Klassiker

Weitere Situation? Ok. Der Klassiker. Ich bin mit meinen zwei Kindern einkaufen und ein fremdes Kind schreit den kompletten Supermarkt zusammen, vermutlich, weil es nicht das bekommt, was es möchte. Die Mutter ist weit und breit nicht zu sehen. Ich lasse mich erstmal von meinem Einkauf nicht ablenken, doch als das Kind nicht mehr aufhört zu weinen, besteht meine Tochter darauf, dass wir jetzt gefälligst schnell zu dem Kind sollen, um es zu trösten, „weil dessen Mama es ja scheinbar nicht hinkriegt.“ sagt meine Tochter. Also gehen wir zu dem Jungen und ich frage ihn sachlich, warum er denn so schreit. Als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet kommt die Mutter des Jungen angerauscht, schnappt sich ihren Sohn und schnauzt uns an, wir sollen uns da gefälligst nicht einmischen, er hat halt gerade „einen Bock“. Rauscht an uns vorbei und geht. Meine Tochter, 4, versteht die Welt nicht mehr.

Wenn wir streiten

Wenn wir beide uns streiten, dann fliegen auch manchmal die Fetzen. Und dann sagen wir auch oft etwas, was uns dann hinterher Leid tut. Ich habe tatsächlich auch schon mal ein Kuscheltier eingesackt, weil sie nicht „gespurt“ hat. Natürlich habe ich es nicht wie angekündigt weggeworfen, aber die Panik in ihren Augen, diese grenzenlose Macht- und Fassungslosigkeit, haben mich auf einem Schlag verstehen lassen, was die ganzen Erziehungsratgeber dieser Welt meinen, wenn sie von „Bindungsorientiert“ sprechen. Meine Tochter war von mir und meiner Reaktion geschockt, von der Tatsache, dass das Kuscheltier für etwas bestraft wird, was sie getan hat. Sippenhaft light sozusagen. Hätte mich da jemand Fremdes angeschnauzt – er hätte recht gehabt. Ich hätte das in dieser Situation wahrscheinlich nur nicht zugegeben und mich angegriffen gefühlt, aber er hätte recht gehabt.

Missionare statt Einmischer

Komisch angemacht wurde ich tatsächlich wegen etwas anderem auf dem Spielplatz. Meine Tochter ist zum 1. Mal ganz alleine den hohen Turm hochgeklettert und die Röhrenrutsche runtergerutscht. Und ich habe mich gefreut wie Bolle. Mit ihr gejubelt und „Super gemacht!“ gerufen. Da meinte eine andere Mutter plötzlich, ob ich mir denn schon mal überlegt hätte, dass ich mit so einem Lob mein Kind anhand ihrer Leistung messen würde, und nicht anhand ihres Charakters. Ich habe wohl etwas arg blöd geguckt, denn die Mutter meinte weiter: „Noch nie was von bedingungsloser Elternschaft gehört?“ Die Kurzfassung bekomme ich gleich mitgeliefert: Man soll sein Kind nicht aufgrund von Eigenschaften loben, sondern anhand von seinem Verhalten. Das falsche Loben kann dazu führen, dass seine Kinder sich nicht bedingungslos geliebt fühlen, sondern das Gefühl bekommen, immer dafür etwas tun zu müssen.

Die gute Frau hatte ihren Lehrbericht sehr gut drauf. Und während sie mich noch fleißig zuquasselte, kam mir mein Chef wieder in den Sinn. Man kann als Mama wirklich nur noch alles falsch machen…

Eure Julia

Wie geht es Euch mit dem Thema? Hat sich schon mal jemand in Eure Erziehungsmethoden eingemischt? Schreibt mir gerne an mama_at_antenne1.de!