Hypnose aus Sicht der Wissenschaft - Prof. Dr. Revenstorf

Im Interview mit Prof. Dr. Dirk Revenstorf

In Deutschland gilt Hypnose für viele noch immer als Grenz-Wissenschaft und steht eher in der esoterischen Ecke, obwohl einige wissenschaftliche Beweise zur Wirksamkeit vorliegen. 

Ihm Rahmen unseres antenne 1 Hypnose-Experiments mit Jan Becker haben wir nun die Wissenschaft gefragt und Prof. Dr. Dirk Revenstorf, Hypnosetherapeut und Professor für klinische Psychologie an der Universität Tübingen, interviewt.

Herr Professor Dr. Revenstorf, würden Sie sich selbst als Hypnotiseur bezeichnen?

 Ich würde mich als Hypnosetherapeut beziehungsweise Hypnotherapeut bezeichnen.

Wie begegnen Ihnen die Menschen – haben Sie das Gefühl, dass Hypnose weitgehend anerkannt ist oder halten sie viele tatsächlich eher für Hokuspokus?

Hypnose wird heute von den Medien und früher im Wanderzirkus eher als Unterhaltung dargestellt beziehungsweise als Wunderheilmethode angepriesen. Daher verstehen viele Menschen nicht, was Hypnose als Heilmethode bedeutet.

In welchen Bereichen der Medizin wird Hypnose heute angewandt?

Hypnose wird angewendet bei: Schmerzbehandlung, OP-Vorbereitung, Geburtsvorbereitung, Begleitung von Krebsbehandlung, in der Palliativmedizin sowie in der Psychosomatik (Reizdarm, Allergien, Migräne …) und in der Psychotherapie bei Depression, bei Angststörungen,Traumata und natürlich bei Raucherentwöhnung und Übergewicht angewandt.
 

Was ist Hypnose, medizinisch gesehen?

Ein veränderter Bewusstseinszustand. Die Regionen des Gehirns, die für die kritische Analyse der Umstände (Frontalhirn) und das Alltags-Ich (Prekuneus) zuständig sind werden heruntergefahren. So verändert sich die gewohnte Selbstwahrnehmung  ("das kann ich nicht, das darf ich nicht, das hat noch nie geklappt, was sollen die anderen denken" usw.) 

Was passiert im Körper / Geist, ist der Zustand unter Hypnose vergleichbar mit einem Dämmerzustand oder mit Schlaf?

 Im Gegenteil es ist ein sehr fokussierter Zustand, ähnlich wie im Traum. Der Körper ist entspannt, wie im Schlaf und der Geist ist hochkonzentriert wie im Traum. Die Wahrnehmung ist meist nach innen (Körper, Vergangenheit,Vorstellungen…) gerichtet und der Zustand ermöglicht eine Öffnung zur Erinnerung, sowie physiologischen Prozessen, zu Ressourcen, die im Alltagsverständnis übergangen werden ebenso, wie eine Öffnung gegenüber Suggestionen.

Ist Hypnose immer gleich Hypnose oder gibt es Unterschiede?

 Jeder erlebt es ein bisschen anders. Manche mehr, als würden sie die Aussenwahrnehmung abspalten (dissoziation), manche eher als vertiefte Absorption in ein Bild oder eine Szene. Andere gehen gar in Trance aber entspannen sich gut dabei.

Gibt es einen bestimmten Typ Mensch (Mann/Frau/alt/jung/…), bei dem Hypnose besonders gut greift?

Das ist bisher nicht bekannt. Allerdings ist die Fähigkeit, sich in einen Roman fallen zu lassen, oder im Kino die Zeit zu vergessen eine gute Voraussetzung. Menschen, welche sich schwer von ihrer Rationalität und ihren Kontrollbedürfnissen lösen können, haben es erfahrungsgemäss schwerer in Trance zu gehen.

Muss man Hypnose lange „studiert“ haben, oder kann ich als Laie auch lernen? 

Lernen kann man es in einem Tag. Um Hypnose allerdings als Heilmethode anzuwenden, braucht man eine psychotherapeutische oder medizinische Ausbildung. Als Heilmethode ist also klinische Erfahrung mit psychischen Mechanismen und der Psychopathologie erforderlich. Dazu zählen eine therapeutische Grundausbildung Approbation als Arzt, Psychotherapeut oder Zahnarzt wie eine Weiterbildung in Hypnotherapie.

Braucht Hypnose zwingend ein Gegenüber oder funktioniert Selbsthypnose tatsächlich? Und wenn ja: Hypnotisieren Sie sich selbst?

In etwa der Hälfte der Anwendungsfälle, besteht Hypnosetherapie in der Anleitung zur Selbsthypnose. 

Hat Hypnose tatsächlich auch Auswirkungen auf körperliche Fähigkeiten, d.h., bin ich unter Hypnose zu Dingen in der Lage, die ich sonst aufgrund meiner körperlichen Beschaffenheit nicht zustande bringen würde? 

Nein, allerdings reagieren viele Menschen unter Hypnose besser auf Suggestionen. Man kann körperliche Prozesse unter Hypnose verändern, die ohne sie schwer beeinflussbar wären, wie beispielsweise Schmerzen, Allergien u.a.

Man hört, dass sich Menschen unter Hypnose besser an bestimmte Dinge erinnern können (Stichwort: Zeugenaussagen unter Hypnose). Stimmt das tatsächlich?

Nein, nicht mit Anspruch auf Wahrheit. Man erinnert sich mehr und fabuliert mehr. Deshalb ist es gerichtlich nicht verwertbar, es sei denn die hypnotische Aussage führt zu einem konkreten Beweisstück, das dann überprüft werden kann.

Was kann man bei der Hypnose falsch machen, gibt es Ihnen bekannte Fälle, wo eine Hypnose auch mal schief gelaufen ist?

Wenn negative Effekte wie Retraumitierung oder Auslösung einer Psychose nicht aufgefangen werden konnten.

Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Hypnose missbraucht wurde (Stichwort: Scharlatanerei)?

Es gibt Laienhypnotiseure, die den Zustand der Hypnose sexuell missbrauchen. Ich selbst war Gutachter in mehreren Gerichtsfällen zum Beispiel bei einer Orgasmushypnose einer traumatiserten Frau. Dem Missbrauch kommt dabei entgegen, dass traumatisierte Menschen sich nicht widersetzen und außerdem der Volksglaube fälschlicherweise Willenlosikkeit nahelegt.

Wenn Hypnose tatsächlich so erfolgreich ist, warum wird sie dann nicht in viel mehr Bereichen angewandt?

Hypnose gilt als veraltet und die Schulmedizin ist skeptisch. Sie steht im Gegensatz zum Innovationshype unserer Gegenwärtigen Aparate-Medizin und Pharmaindustrie.

Hat die wissenschaftliche Hypnose Ihrer Meinung nach noch Potential für weitere Bereiche – könnte in Zukunft noch viel mehr durch Hypnose erreicht werden?

Ja, für zahlreiche Bereiche, wie Sport, Medizin, Psychotherapie, Stressbewältigung bei Prüfungen und so weiter.

Glauben Sie, dass unser „antenne 1 Hypnose-Experiment: Abnehmen nur durch’s Radiohören“ funktionieren wird?

Ich frage mich, ob das nachhaltig ist. Bei der großen Anzahl von Zuhörern gibt es wahrscheinlich zahlreiche Menschen, die kurzfristig auf das Szenario ansprechen. Abnehmen ist nicht schwer, sowie aufhören beim Rauchen nicht schwer ist. Als Wissenschaftler bin ich offen für neue Erkenntnisse, zum Beispiel wer tatsächlich so Nahe davor ist, dass er durch die überzeugende Inszenierung den entscheidenden Anstoß erhält. 

Zusammenfassung zum Nachhören:


Ihr wollt mehr zum Thema Hypnose erfahren?

Wir haben für euch eine kurze Liste mit seriösen Hypnosetherapeuten (approbierte Ärzte, Psychotherapeuten, Zahnärzte) zusammengestellt.

  • Allgemeine Infos von Hypnoseexperten                                                 
    Deutschsprachige Hypnosegesellschaften www.hypnose.de

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