Neil Young: Wehmut und Wut über die Wahlheimat

  • 04.12.2017
  • Werner Herpell, dpa
Neil Young

Neil Young hält die Hippie-Ideale hoch. Foto: Nils Meilvang

Berlin (dpa) - In seiner Widerborstigkeit bleibt Neil Young unbeirrbar. Seit Jahrzehnten arbeitet sich dieser famose Sänger, Songwriter und Gitarrist an der US-Politik ab - meist klar und eindeutig auf der linksalternativen Seite des Spektrums, oft spontan und bei seinen Angriffen keineswegs immer subtil.

Youngs neues Album «The Visitor» ist nun ein weiteres Beispiel für die sture Protesthaltung des schon zu Lebzeiten legendären Musikers.

Eines möchte er zunächst klarstellen: «Ganz nebenbei: Ich bin Kanadier/und ich liebe die USA», so die erste Textzeile im derbe rumpelnden Opener «Already Great». Von wegen «Let's Make America Great Again»: Beim Patriotismus will sich der zwar in Toronto geborene, aber seit den 60er Jahren in Kalifornien lebende Young nichts vormachen lassen - schon gar nicht von einem Donald Trump.

Dessen Amerika hält der 72-Jährige mit dem aktuellen Albumcover einen Spiegel vor: Es zeigt eine Mauer. Der US-Präsident und seine Abschottungsdoktrin bekommen gleich mehrfach ihr Fett weg: Amerika, du bist doch groß, du bist doch das Traumland, du bist doch der Helfer in der Not - ein bisschen blauäugig appelliert Young an das Gute in seiner politisch zerrissenen Wahlheimat.

Trotz aller Wut («No wall, no hate, no fascist USA» skandiert Young im Refrain von «Already Great») klingt auf diesem Album oft die Wehmut eines Mannes durch, der seine Hippie-Ideale in Gefahr sieht. Auch andere Lieder wie das umweltbewegte «Stand Tall», das hymnische «Children Of Destiny» oder das zornbebende «When Bad Got Good» über Trump als Oberlügner («Liar in Chief») zeigen: Young schwankt derzeit zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Musikalisch ist «The Visitor» ein Kessel Buntes - eine Platte so abwechslungsreich wie wenige der (zu) vielen Young-Alben der vergangenen 15 Jahre, aber auch wieder etwas ziellos. Mit seiner neuen Lieblingsbegleitband Promise Of The Real - den jugendlichen Nachfolgern der alternden Garagenrock-Kumpels von Crazy Horse - hat Young zehn Songs eingespielt, die manch Altbekanntes aus dem eigenen Oeuvre zitieren, aber teilweise doch überraschen.

So wirken die melancholischen Folkballaden «Almost Always», «Change Of Heart» und «Forever» wie Rückgriffe auf die formidablen Countryrock-Werke «Harvest» (1972) und «Harvest Moon» (1992). «Almost Great» und «Stand Tall» kommen als typisch breitbeiniges Neil-Young-Gitarrengebratze daher - auf die Live-Versionen dieser wuchtigen Brocken darf man sich schon freuen.

«Carnival» hingegen verblüfft mit Latin-Rhythmen und Mariachi-Flair, dazu wird diabolisch gelacht - eine beißende Satire auf ein Irrenhaus-Amerika, das die Mexikaner loswerden oder gleich ganz draußen halten will. «Diggin' A Hole» ist purer Blues, wie man ihn von Young noch nicht so oft gehört hat. Und mit «Fly By Night Deal» hat der Mann mit der Fistelstimme einen leider recht unattraktiven, zum Glück kurzen Spoken-Word-Beitrag im Angebot.

Die Liste der Polit-Platten von Neil Young liest sich eindrucksvoll: «Freedom» (1989), «Are You Passionate?» (2002), «Living With War» (2006), «The Monsanto Years» (2015) und «Peace Trail» (2016) reagierten allesamt auf das, was in seiner Wahlheimat oder in der Welt geschah oder schief lief. Nun also «The Visitor» - ein musikalisch solides, sehr unterhaltsames Album und eine teilweise krawallige Abrechnung mit dem rechtspopulistischen Zeitgeist.

«Wo ist denn heute der Protest?», fragte Young schon vor knapp zehn Jahren im «Spiegel»-Interview. Und antwortete selbst: «Der einzige Protest geht von einem Haufen alter Leute aus, die sich noch einmal erinnern, worum es früher mal ging.» Es ehrt den Kanadier, dass er jetzt als Ü-70-Rocker die Flagge der Althippies und Linkspatrioten gegen alle Nestbeschmutzer-Vorwürfe hoch hält. Auch wenn ihm dabei mit «The Visitor» kein ganz großes Meisterwerk geglückt ist.



Links zu diesem Thema

Musik-News

Webstreams: Hier reinhören

Webradio


Staus & Blitzer


Wetter